Ein weiteres und mein neustes Lieblingsbeispiel für Aktives Zuhören


Bei seinem ersten Besuch im neuen Kindergarten schaute der fünfjährige Paul, als seine Mutter noch bei ihm war, die Zeichnungen an den Wänden an und fragte mit laut vernehmbarer Stimme:

„Wer hat denn diese hässlichen Bilder gemalt?“

Die Mutter wurde verlegen. Sie schaute ihren Sohn vorwurfsvoll an und beeilte sich, ihn zu belehren: „Es ist nicht nett, Bilder anderer hässlich zu finden, wenn sie doch schön sind.“

Die Erzieherin verstand den Sinn der Frage. Sie lächelte und sagte: „Hier musst du nicht schöne Zeichnungen machen. Wenn du Lust hast, kannst du hässliche Bilder malen.“ Paul strahlte über das ganze Gesicht; denn er hatte eine Antwort erhalten auf seine unterdrückte Frage: ‚Was passiert einem Jungen, der nicht so gut zeichnet?‘

Als nächstes hob Paul ein zerbrochenes Feuerwehrauto vom Boden auf und fragte selbstgerecht: „Wer hat dieses Feuerwehrauto kaputt gemacht?“ Die Mutter gab zur Antwort: „Was geht dich das an? Du kennst doch niemanden hier.“

Paul war in der Tat nicht am Namen interessiert, sondern er wollte erfahren, was mit einem Jungen geschieht, der ein Spielzeug zerbricht. Die Kindergärtnerin verstand die Frage und gab die passende Antwort: „Spielzeug ist zum Spielen da. Manchmal zerbricht es. Das kommt schon mal vor.“

Paul schien zufrieden. Er hatte seine Fühler ausgestreckt und die gewünschte Auskunft erhalten. Er dachte wohl – ‚Diese Erwachsene ist ziemlich nett. Sie wird nicht rasch böse, sogar dann nicht, wenn man hässliche Bilder malt oder Spielzeug zerbricht. Ich brauche mich nicht zu ängstigen. Es lohnt sich, hier zu bleiben.‘ Paul sagte seiner Mutter Tschüss, ging zur Erzieherin hinüber, und sein erster Tag in der neuen Einrichtung begann.  Etwas abgewandelt nach Haim G. Ginott


Aktives Zuhören kann nur funktionieren, wenn wir unser Kind nicht verändern wollen. So frei vom Veränderungswunsch sind wir natürlich nicht immer. Aber dieser Faktor ist wichtig, sonst klappt’s nicht. Außerdem verzichten wir bewusst auf Fragen. Denn Fragen fordern eine Antwort, eine Stellungnahme, eine Positionierung. Und damit setzen wir die Kids unter Druck. Eine schlechte Voraussetzung für ein gutes Gespräch.

Also, wir spiegeln mit dem ‚Aktive Zuhören‘ nur die Äußerungen des Kindes und seine Gefühle. Selbst wenn wir mit unserer Spiegelung/Vermutung falsch liegen, helfen wir dem Kind sich über seine Gefühle, Wünsche und seine weitere Vorgehensweise klar zu werden. Man muss also nicht immer den Nagel auf den Kopf treffen.